Wie sinnlos es ist, für Japan zu beten. Oder auch nicht.
March 21st, 2011 § 11 Comments

Ich muss mal etwas loswerden, was das ganze #prayforjapan-Thema und das diesbezügliche Lästern angeht, das ich z.B. auf Twitter mitbekomme. Ich gehöre auch zu den Leuten, die der Meinung sind, dass es viele Arten der Hilfeleistung gibt, die bestimmt mehr (positive) Auswirkungen haben als das Beten und dadurch, dass ich selbst überhaupt nicht religiös bin, tue ich es auch nicht.
ABER.
Es gibt Formulierungen wie “Wir sind mit unseren Gedanken ganz nah bei euch” und andere Arten, sein Mitgefühl auszudrücken, die jetzt auch nicht direkt dafür sorgen, dass von der Katastrophe getroffene Japaner ihre Angehörigen wiederfinden oder Hilfe beim Wiederaufbau bekommen. Trotzdem werden diese Worte nicht zynisch kommentiert (“Bringt doch alles nichts, macht lieber was Sinnvolles!”). Da geht keiner hin und sagt “Du, ist ja schön, dass du an Japan denkst, aber das ist total unsinnig und doof.” Sondern sie werden als das verstanden, was sie sind: Bekenntnis, dass uns die Situation anderer beschäftigt und wir an sie denken. Natürlich haben diese Leute mehr davon, wenn unser Engagement über reine Bekenntnisse hinausgeht, das ist klar.
Aber warum können wir das Beten für Japan nicht genauso ansehen und ANERKENNEN? Und nicht herabwürdigen?
Es mag für nicht religiöse Menschen auch wenig bedeuten, aber wenn jemand (ernsthaft) sagt, dass er für eine andere Person betet, so schließe ich daraus:
Er (oder sie) interessiert sich für andere, befasst sich mit deren Situation, und statt in seinem Gebet nur um sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse zu kreisen, schließt er andere mit ein und zeigt sein Mitgefühl. Ich sage nicht, dass ich das schon als humanitäres Engagement sehe, aber die Denkweise, auch mal andere über sich selbst stellen zu können, weil sie Hilfe brauchen und das wichtiger ist als die eigenen Probleme, ist eine Basis dafür.
Und ich wünschte, man könnte das mal anerkennen, anstatt immer nur darauf hinzuweisen, dass es uns nicht weiterbringt, die Geschehnisse “in Gottes Hand zu legen” und weiterzumachen wie bisher. Ja, es ist eine gefährliche Einstellung, zu beten und sich dann zurückzulehnen, mit dem Gefühl, einen signifikanten Beitrag geleistet zu haben und dass jetzt schon alles in Ordnung kommen wird. Aber man sollte nicht jedem religiösen Menschen, der für Japan beten möchte, unterstellen, er sei genau dieser Auffassung.
Bild via
Naja, man muss das denke ich schon differenzieren. “Beten” bedeutet, dass man sich Erhörung erwartet. “Bei jemanden sein” in Gedanken, Mitgefühl haben, … erwartet keine Aktion sondern reinen seelischen Beistand. Natürlich erwartet kein Mensch, der alle Tassen beisammen hat, dass auf das Beten Gott alles gut werden lässt, aber die Vokabel hat die Konnotation. Niemand hält ja Christen davon ab “in Gedanken” bei den Japanern zu sein. Atheisten sehen aber das “Beten” als Aufforderung an die Transzendenz an, zu retten. Ansonsten hast du natürlich recht, aber diese Differenzierung muss man schon machen.
Danke für den Kommentar. Dass diese Differenzierung gemacht werden muss, ist mir auch klar. Aber das heißt ja nicht, dass man deshalb unreflektiert auf allen Betenden rumhacken muss. Diese Konsequenz scheinen aber viele zu ziehen.
“Natürlich erwartet kein Mensch, der alle Tassen beisammen hat, dass auf das Beten Gott alles gut werden lässt…” ist nämlich der Haupt-Vorwurf, den ich in den letzten Tagen las. Und um den ging es mir.
(Edit:) kleiner Nachtrag, der mir gerade erst einfiel: Was die Sinnhaftigkeit des Betens an sich angeht, sehe ich das genauso wie Herr Carlin. http://www.youtube.com/watch?v=gPOfurmrjxo&t=4m50s
Hallo Thomas,
und selbst wenn Beten mit “Erhörung” verbunden ist, selbst wenn Christen (ich bin auch eine davon …
) hoffen, dass Gott den Schmerz ein wenig lindert oder rettet, was auch immer – was bitte ist daran schlimm oder gar lästerwürdig? Was sonst können wir denn außerdem tun – außer spenden. Und das Beten an die Japaner denken beinhaltet, ist ja wohl sowieso klar.
Atheisten nehmen sich gerne die Freiheit, über Gläubige zu lästern – andersherum erlebe ich das eher selten.
Susi.
naja. das probelm liegt vielleicht auch darin, dass das statement vor allem in verbindung mit dekorativen hipster-bildern (i want to be popular on instagram) zu einer leeren floskel verkommt. es ist dann eher so ein mitmachding, ich bin auch nicht relegiös, geb aber trotzdem meinen senf dazu und bin dabei weil’s gerade in ist. ich mach dann mal anschließend auf “free lybia” und “abschalten” und steh quasi in der ersten reihe mit meinem plakat ohne dafür meinen bequemen platz vorm laptop räumen zu müssen. aber immerhin. nette geste.
Absolute Zustimmung!
Also wenn man mal davon absieht, dass die betende Fraktion das gerne als Hilfe darstellt (“wir beten für euch”. Nein. Tut ihr nicht. Ihr betet für euch selbst. Das ist nicht schlimm, aber bitte tut nicht so, als sei das nicht absolut privat), finde ich beide gleich sinnlos. Warum sollte ich das der Welt mitteilen, dass ich gerade über ein die ganze Welt bewegendes Thema nachdenke? Das ist doch implizit. Ich teile doch sonst etwas mit, wenn ich glaube, vom Standard abzuweichen (etwas empfehle, eine Idee einbringe, etc). Deshalb hört sich für mich “Unsere Gedanken sind bei…”- immer wie “Unsere Gedanken…” an. Als sei das die Ausnahme. Das kränkt und führt dazu, dass man selbst ähnliche Nullaussagen tätigen muss, denn wenn andere herausposaunen, dass sie gerade betroffen sind, und ich das nicht tue, dann könnte ich ja verdächtigt werden, kaltherzig und egozentrisch zu sein…
Ich habe hier leider das Gefühl, dass Menschen die nicht religiös sind oder an einen Gott “glauben”, nicht verstehen können, welche Bedeutung und welchen Sinn es für die Betenden hat. Das ist nicht schlimm, aber so kommt es eben zu Missverständnissen.
was Lars sagt
Beten ist für mich der Versuch, Gott auf einen bestehenden Missstand hinzuweisen und ihn davon zu überzeugen, zur Verbesserung der Lage beizutragen oder zumindest positiv darauf Einfluss zu nehmen.
Beten heißt nicht, jemandem sein Bedauern mitzuteilen oder gedanklich zur Seite zu stehen.
Beten heißt, Probleme zu tolerieren, indem man den eigentlichen Handlungsbedarf “transzendiert”. Es demonstriert dem Hilfesuchenden, dass man zwar das Problem erkannt hat, aber selber nichts dagegen tut wird… sich selber aber als Helfer und Unterstützer im mentalen Sinn darstellt.
Und das ist selbstsüchtig und pervers.
#prayforjapan ist für mich das Schlagwort welches sich global manifestiert hat und die Suche nach Beiträgen jeglicher Art zum Thema vereinfacht. nicht mehr, nicht weniger. plöp.
ich bete für gewöhnlich nicht. Ich habe aber bereits gespendet.
Aber was immer man auch tut oder lässt, alles ist besser als dieses dauerdiskutieren!
wer betet ist doof, wer nicht betet ist doof, wer seine meinung twittert ist doof, wer bilder bei instagram hochläd ist doof… ja,ja schon klar. Und was habt Ihr schon so bewirkt?
Sehr interessante Gedanken. Ich war versucht, sie mit meinen Eigenen zu verweben: http://suochari.wordpress.com/2011/04/02/in-einer-geistigen-welt-wurde-beten-fur-japan-wirklich-helfen/